Jean-Marie Straub et Danièle Huillet

à partir du 18 . 12- München – Filmmuseum München –

Rétrospective complète à l’occasion des 80 ans de JMS

 

Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, Rom 2003 – © Alberto Cristofari / Contrasto

Jean-Marie Straub zum 80. Geburtstag

Auf einem Plakat, in den Programmen die Namen Dreyer und Straub lesen – und nichts wie hin!

Marguerite Duras

Jean-Marie Straub hat deutsche, französische und ita- lienische Filme gemacht. Das gibt dieser Münchner Re- trospektive eine europäische Bedeutung. Sie schenkt uns in der Öde des monetären Europa die Möglichkeit, im »Ach der Alkmene« (Heiner Müller) den Nachhall der unglaublichen mythischen Geschehnisse zu hören, die bis heute unsere, die europäische, Vergangenheit bele- ben und ohne deren Erinnerung unser Leben und unser Fühlen versiegen würden. Cesare Pavese hat am 15. Oktober 1945 in seinem Tagebuch die Frage ge- stellt: »Was sagen, wenn die natürlichen Dinge – Quel- len, Wälder, Weinberge, Land – eines Tages von der Stadt aufgesogen und vergangen sein werden und man ihnen in alten Sätzen aus der Vergangenheit begegnen wird? Sie werden auf uns wirken wie die Theoi, die Nymphen, das natürliche Heilige, das in manchen grie- chischen Versen zum Vorschein kommt. Dann wird der einfache Satz Es war eine Quelle uns rühren«. Das große Werk der Straubschen Filme gibt eine Antwort auf diese Frage, seine ganze ästhetisch-politische Energie richtet sich auf dieses Sagen.

Jean-Marie Straub ist ein Sonntagskind, geboren am 8. Januar 1933 in Metz, das die Deutschen der Eisen- gruben wegen 1871 und 1940 annektierten. Mit dem Projekt einer Filmbiographie »Chronik der Anna Magda- lena Bach« im Kopf geht Straub 1954 nach Paris. Er begegnet Danièle Huillet, geboren am 1. Mai 1936, am Feiertag des Wahlsiegs der französischen Volksfront: An Feiertagen gehen / die braunen Frauen daselbst / auf seidnen Boden. Vielleicht dachte Danièle an diesen Vers Hölderlins, als sie schrieb: »Das Interessanteste an mir ist mein Geburtsdatum«. Bis zu ihrem Tod am 9. Oktober 2006 war Danièle an allen Filmprojekten Straubs maßgeblich beteiligt.

Statt zum Militärdienst nach Algerien geht Straub 1958 nach Deutschland auf der Suche nach Materialien, Or- geln und Handschriften für den Bachfilm. In Metz wird er in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt (und 1971 amnestiert). 1962 dreht er MACHORKA- MUFF nach Heinrich Böll. Der 18-Minuten-Film hat bis heute nichts von seiner ästhetischen und politischen Sprengkraft verloren. Machorka-Muff, in der eben ge- gründeten Bundeswehr zum Leiter der »Akademie für militärische Erinnerungen« ernannt, fragt sich, was sein alter General zur Wiederbewaffnung gesagt hätte.

62»Diese Christen« hätte er gesagt, »wer hätte das von ihnen erwarten können!« – »Und das in einer Demokra- tie.« »Eine Demokratie, in der wir die Mehrheit des Par- laments auf unserer Seite haben«. »Und die öffentliche Meinung?« »Sie wird es schlucken. Sie schluckt alles.« Jedes Wort wiegt schwer wie deutsche Vergangenheit. Die »Aura selbstvergessener Ergriffenheit« (Helmut Fär- ber), mit der Erich Kuby als Machorka die Sätze spricht, beweist, dass der Sprung »vom Nazideutschen zum Bundesbürger« (Böll) gelungen ist. Die Geschichte der Bundesrepublik ist in diesen Film eingeschrieben und arbeitet in ihm weiter. Die Bundeswehr ist groß gewor- den und verrichtet ihre Arbeit in der ganzen Welt. An diese Tatsache stoßen die Köpfe der Zuschauer heute, wenn der Film in ihnen weiterdenkt.

Der zweite deutsche Film NICHT VERSÖHNT ODER ES HILFT NUR GEWALT WO GEWALT HERRSCHT (1965) trägt einen Titel, der zum Programm einer ganzen Ge- neration wurde. Heinrich Bölls Roman »Billard um halb- zehn«, der ihm zu Grunde liegt, war 1959 erschienen, gleichzeitig mit Günter Grass’ »Blechtrommel« und Uwe Johnsons »Mutmaßungen über Jakob«. Eine Wende der Nachkriegsliteratur, die sich auf eine neue Weise mit der deutschen Geschichte beschäftigt. Wenige Jahre später folgt der Junge Deutsche Film, wobei der Beitrag der Straubs (»eine neue Elementargewalt«, Peter Nau) eine entscheidende Rolle spielt. Das ist längst Filmgeschichte wie auch die ästhetische De- batte, die die Straubs ausgelöst haben.

Das Vorgehen der Filmemacher Straub/Huillet ist ebenso einfach wie ungewohnt. Sie behandeln den Text, der sie interessiert, wie ein Dokument. Mit größ- ter Sorgfalt legen sie eine der in ihm enthaltenen, mög- lichen Strukturen frei und machen sie durch die große Kunst des Weglassens sichtbar. Die »Inkarnation des Wortes« durch die Sprechenden macht Bild und Ton zur Einheit. Die optische Seite des Films (von vielen Kri- tikern gepriesen) und die Sprechweise (die gewöhnlich auf Irritation und Ablehnung stößt) sind komplementär, bedingen einander, erzeugen die eigentliche Span- nung. Dem Zuschauer wird jede Chance einer Identifi- kation mit dem Sprechenden genommen. Er kann sich nicht einrichten »in einer in sich geschlossenen Ge- schichte bruchlos erfundener Figuren« (Frieda Grafe). Er muss auf seine angelernte Vorstellung von »natürli- chen« Betonungen verzichten und auf die Sprache ach- ten, die sich in der einmaligen physischen Präsenz des Sprechenden entfaltet. Man mag sich dem verweigern, aber es wäre intellektuell unwürdig, diesen Filmen Di- lettantismus und Kunstlosigkeit vorzuwerfen (gewöhn- lich das Erste, was dem verletzten Kritiker einfällt).

Vom extremen Anspruch der Straubs an die Wahrheit von Bild und Ton berichtet Erich Kuby nach den Dreh- arbeiten von MACHORKA-MUFF. Bei einer Innenauf- nahme in München fällt Straub auf, dass das Straßen- bahngeräusch nicht stimmt, das auch in einer anderen Szene in Bonn zu hören ist. »Und plötzlich sagt der Straub: Wir müssen nochmal nach Bonn fahren. Das ist nicht die Wahrheit«. Münchner oder Bonner Straßen- bahn, für jeden anderen Filmemacher wäre das kein Problem gewesen. Aber das Team fährt zurück nach Bonn und Kuby kommentiert: »Jeder ist so verrückt wie er will. Der Straub ist schon ein erstaunlicher Mann«. Straub selbst zitiert gerne Godard, dem die ersten Ton- filme so gut gefielen, »weil es das erste Mal war, dass man Leute sprechen hörte«. In diesem »ersten Mal« lag eine große Wahrheit. Sie liegt auch darin, wie zum ers- ten Mal in der BRD in NICHT VERSÖHNT von der deut- schen Vergangenheit gesprochen wird. Wer sich auf die Straubsche Ästhetik einlässt, wer Pausen und Län- gen aushält, wer Atem genug hat, um dem durch Kom- primierungen erzeugten, ungeheueren Tempo zu fol- gen, wer Naturschauspiele wie das Erscheinen eines Berges oder den Einbruch eines Schmetterlings in eine Einstellung mit Ehrfurcht aufnimmt, wird in diesen Fil- men die Welt neu zu sehen und zu hören bekommen. Das ist das Straubsche Versprechen, dessen Erfüllung von der Mitarbeit des Zuschauers abhängt. Sie er- fordert von ihm altertümliche, oder wie Straub sagen würde, »kommunistische« Tugenden.

Straubs Urprojekt und dritter Film, die CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH (1967) wird nicht durch das Thema zu einem deutschen Film, sondern durch die Straubsche Wahrheit der Menschen, Häuser, Innen- räume, Gegenstände, Worte und Töne. »Es ist ein Film, den kein Deutscher hätte machen können, … so wie kein Italiener die ›Kartause von Parma‹ hätte schreiben können« (Straub). Als Motto vorangestellt ist ihm ein

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CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH

Jean-Marie Straub

Wort von Charles Péguy: Die Revolution machen / be- deutet auch / sehr alte Dinge an ihren Platz stellen / die vergessen sind. Solche ins Negativ geritzte Graffiti sind wichtig zum Verständnis der Straubschen Filme. Die Verrückung sehr alter Dinge wie Ernst – Ehre – Treue – Ordnung wurde zum Code der deutschen Verbrechen. Beim Bachfilm mag sich der Zuschauer an das Motto erinnern, das Walter Benjamin 1936 seiner Folge von Briefen »Deutsche Menschen« vorangestellt hat: Von Ehre ohne Ruhm / Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold. Davon berichtet die Geschichte der CHRO- NIK. Jahrzehnte später sagt Straub: »Als wir drehten, lag Hanoi unter den Bomben, wir dachten an den Viet- cong und die Bauern im bayerischen Urwald«. »Ausgangspunkt für unsere CHRONIK war die Idee, einen Film zu versuchen, in dem man Musik nicht als Begleitung, nicht als Kommentar, sondern als ästheti- sche Materie benutzt«. Am Anfang seines Werks ste- hen musikalische Projekte, für deren Realisierung Straub 14 Jahre (CHRONIK) und 15 Jahre (MOSES UND ARON) gekämpft hat. Arnold Schönbergs Oper »Moses und Aron« ist eine sehr deutsche, eine sehr jüdische Geschichte, die Straub in eine Landschaft Italiens legt, die diese Erzählung fassen kann. Michael Gielen, der die musikalische Leitung übernommen hat, schreibt: »Schon das Wahnwitzige an dem Unternehmen hat mich gereizt«. Heute wären diese Aufführung und diese Aufnahme materiell gar nicht mehr möglich. Man fände noch den Ort (das antike Theater von Alba Fucense), aber nicht mehr den akustischen Raum, in dem sich die Naturlaute einer alten Welt (Sommerstille, Grillen- gezirpe, Schafsgeblöke, Wasserfließen, rollende Steine) in die Stimmen der Solisten und des Chors einmischen könnten. Schon damals hatte es viel Mühe gekostet, Maschinen und Flugzeuggeräusche fernzuhalten, die das menschliche Ohr überhört und wegschiebt, die das Mikrophon aber unerbittlich registriert. Umgekehrt hat Straub in OTHON (1969) den rauschenden römischen Verkehr wie einen Lavastrom in den Text von Corneille einfließen lassen. Gesprochen auf dem Palatin, dem Regierungsviertel des antiken Rom, war er dadurch zum Entsetzen der Kritik nicht mehr »hörbar«. »Man muss Corneille jetzt lesen oder gar nicht«, schrieb Mar- guerite Duras zu diesem Einbruch des Autolärms in die schöne Literatur. Was bedeutet es für unsere Kultur, dass heute Tausende, Millionen Menschen solche extreme Experimente ohne weiteres im Kino oder im Fernsehen sehen können – und dass diese Chance aus Müdigkeit der Einen und Feigheit der Andern nicht ge- nutzt wird? Sicherlich können wir ohne OTHON und ohne MOSES UND ARON leben. Aber was wäre, wenn

wir mit diesen Werken und mit Hölderlin und mit Cé- zanne und mit Kafka leben würden? Straub beharrt auf seinem »Nicht versöhnt« (nicht nur in LOTHRINGEN!, 1994, und UN HERITIER, 2011) und hat nie aufgehört, diese Negation produktiv umzukeh- ren in die Frage: Unter welchen Bedingungen ist Ver- söhnung mit der Geschichte und mit der Natur mög- lich? Es ist die große Frage, auf die Hölderlin mit der kommunistischen Utopie des Empedokles (»Wenn dann der Erde Grün von neuem euch erglänzt«) eine Antwort sucht und die Cézanne ekstatisch ausrufen lässt: »In einem Grün wird mein ganzes Hirn fließen mit den Säf- ten des Baumes«. Straub hat die Linie freigelegt, die von Empedokles über Lukrez zu den Mystikern und bis zu Hölderlin und Cézanne führt. Der junge Marx hat sie so beschrieben: »Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben«. Seit sich die moderne Industrie mit ihrer Gewalt in diesen Prozess eingemischt hat, wird die Natur auf immer bedrohlichere Weise in die Taten der Menschen verstrickt. Daher der Gedanke von der Notwendigkeit einer Versöhnung und die Einsicht, dass ohne sie auch keine Versöhnung unter den Menschen möglich ist. In DALLA NUBE ALLA RESISTENZA (1978) zeigt Straub das bäuerliche Italien mit seinen Mythen an der Schwelle zur Industriekultur. Der Klassenkampf der Bauern bekommt durch die Darstellung der Kämpfe zwischen Göttern und Menschen eine mythische Schicht. Schon in KLASSENVERHÄLTNISSE (1984) sehen wir, wie tief sich die Hierarchien und Abhängig- keiten in die Lebensweisen der Menschen eingraben. Klassenkämpfe werden zu mechanischen Machtspie- len (OTHON; GESCHICHTSUNTERRICHT, 1972), wenn sie nicht bis zu diesen Abgründen vordringen. Einer der letzten, rätselhaften Filme SCHAKALE UND ARABER (2011) demonstriert in 12 Minuten die Aporien dieser Tiefen. In Kafkascher Komik, die vielen Straubfilmen eigen ist. Peter Kammerer

SCHAKALE UND ARABER – Schweiz 2011 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Franz Kafka – K: Christophe Clavert – D: Barbara Ulrich, Giorgio Passerone, Juba- rite Semaran – 12 min – MACHORKA-MUFF – BRD 1962 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Hauptstädtisches Journal« von Heinrich Böll – K: Wendelin Sachtler – D: Erich Kuby, Renate Lang – 18 min – NICHT VERSöHNT ODER ES HILFT NUR GE- WALT, WO GEWALT HERRSCHT – BRD 1965 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Billard um

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Jean-Marie Straub

halbzehn« von Heinrich Böll – K: Wendelin Sachtler – D: Henning Harmssen, Heinrich Hargesheimer, Martha Ständner, Danièle Huillet, Ulrich von Thüna – 52 min – Es war einmal, Mitte der Sechziger, in stupid old Ger- many, und endet bis heute nicht. Die gleiche Unver- söhnlichkeit, es hilft immer noch nur Gewalt, wo Ge- walt herrscht. Hart prallen Bölls Texte auf die Wirklich- keit der Körper, Blicke, Dialekte. Die Radikalität des amerikanischen Gangsterfilms, Legs Diamond und Ar- turo Ui sind Paten der frühen Filme, Budd Boetticher

und Bertolt Brecht. Ihnen entspricht Kafkas gewitzter Blick auf die Klassenverhältnisse: »Also endlich die Schere und damit Schluss!« ▶ Dienstag, 18. Dezember 2012, 21.00 Uhr

CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH – BRD 1967 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach dem Nekrolog von Philipp Emmanuel Bach und Briefen von Johann Sebastian Bach – K: Ugo Piccone – D: Gustav Leonhardt, Christiane Lang-Drewanz – 94 min – DER BRÄUTIGAM, DIE KOMöDIANTIN UND DER ZUHÄLTER – BRD 1968 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Krankheit der Jugend« von Ferdinand Bruckner und Gedichten von Juan de la Cruz

– K: Niklaus Schilling – D: Lilith Ungerer, Rainer Werner Fassbinder, James Powell – 23 min – Die CHRONIK, das jugendliche Meisterstück. Es hätte der erste Straubfilm werden sollen, aber die Finanzierung war kompliziert – einen Millionenfilm dagegen, mit Karajan, hätte man ihm sofort produziert. Bach bei der Arbeit, Musik als Tun. »Gebrauchsmusik ist die höchste Form der Musik«, schrieb Helmut Färber, »Musik die nicht nirgends ist, sondern benötigt und benutzt wird.« Be- nutzt wie das Theater im BRÄUTIGAM, Fassbinders an- titeater. Finsterstes München, aber am Ende Wind, Bäume, Regen. Und das höchste Licht: Mein Herz aus Lehm, / wie jemals könnte es / brennen so sehr, dass

stiegen seine Funken / wie es möchte / bis zu den ho- hen Gipfeln / jenes ewigen Vaters der Lichter. ▶ Mittwoch, 19. Dezember 2012, 21.00 Uhr

LA MADRE (DIE MUTTER) – Schweiz 2012 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Cesare Pavese – K: Christo- phe Clavert – D: Giovanna Daddi, Dario Marconcini – 20 min, OmU – SCHAKALE UND ARABER – Schweiz 2011 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Franz Kafka – K: Christophe Clavert – D: Barbara Ulrich, Giorgio Pas- serone, Jubarite Semaran – 12 min – O SOMMA LUCE (O HöCHSTES LICHT) – Italien 2010 – R+B: Jean- Marie Straub, nach der »Divina Commedia« von Dante Alighieri – K: Renato Berta – Mit Giorgio Passerone – 18 min, OmU – SICILIA ! – Italien 1998 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Conversazione in Sicilia« von Elio Vittorini – K: William Lubtchansky – D: Angela Nugara, Gianni Buscarino, Vittorio Vigneri – 66 min, OmU – Eine Reise ins Licht, die Straubs und das Mediterrane: Pavese und Vittorini, Kafkas Bedui- nen und Dantes Emphase. Geschichte einer Sehnsucht, eine Bewegung, die sich abbildet in der Folge der Filme. Die letzten drei sind ohne Danièle entstanden. Das Ausrufezeichen im Titel nach »Sicilia« ist wichtig, es signalisiert Ankunft und Aufbruch, steht für Action. Die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von Syrakus. ▶ Sonntag, 6. Januar 2013, 18.30 Uhr

DANIELE HUILLET & JEAN-MARIE STRAUB, CINEAS- TES – OU GIT VOTRE SOURIRE ENFOUI? (WO LIEGT EUER LÄCHELN BEGRABEN?) – Frankreich 2001 – R+B+K: Pedro Costa – 104 min, OmeU – 6 BAGATE- LAS (6 BAGATELLEN) – Frankreich 2001 – R+B+K: Pedro Costa – 18 min, OmeU – Die Straubs bei der Arbeit, beim Schnitt der dritten Fassung von SICILIA! Straub wird dabei programmatisch, brechtisch, das ist manchmal sehr komisch: »Weil – wenn es eine lange Geduld gibt, ist sie gleichzeitig geladen mit Gegensät- zen. Andernfalls hat sie sich nicht die Zeit genommen, sich zu laden. Die lange Geduld ist notwendigerweise geladen mit Zärtlichkeit und Gewalt. Die ungeduldige Geduld ist nur geladen mit Ungeduld. Der schöne Herbst ist zurückgekehrt.«

▶ Sonntag, 6. Januar 2013, 21.00 Uhr

OTHON. LES YEUX NE VEULENT PAS EN TOUT TEMPS SE FERMER OU PEUT-ETRE QU’UN JOUR ROME SE PERMETTRA DE CHOISIR A SON TOUR (DIE AUGEN WOLLEN SICH NICHT ALLZEIT SCHLIES- SEN ODER VIELLEICHT EINES TAGES WIRD ROM SICH ERLAUBEN SEINERSEITS ZU WÄHLEN) – Italien

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SCHAKALE UND ARABER

Jean-Marie Straub

1969 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Othon« von Pierre Corneille – K: Renato Berta – D: Adriano Aprà, Olimpia Carlisi, Anthony Pensabene, Jubarite Semaran – 88 min, OmU – TOUTE REVOLU- TION EST UN COUP DE DES (JEDE REVOLUTION IST EIN WÜRFELWURF) – Frankreich 1977 – R+B: Da- nièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Un coup de dés« von Stéphane Mallarmé – K: William Lubtchansky – Mit Helmut Färber, Michel Delahaye, Danièle Huillet, Manfred Blank – 10 min, OmU – Städtetheater, Stadt als Schau-Platz. Inszenierte Geschichte, mit Freunden, an historischen Orten des Widerstands. Corneilles Polit- trauerspiel, die Geschäfte des Herrn Othon, gefilmt auf dem Palatin in Rom, vom Straßenlärm umbrandet. Und Mallarmés Poem, das sich nicht auf Papier beschrän- ken will. »Selbst die rein sinnliche Wirklichkeit des Rau- mes, den die Darsteller am Ende jedes Aktes leer las- sen: wie süß wär’ sie ohne das Trauerspiel des Zynis- mus, der Unterdrückung, des Imperialismus, der Aus- beutung – unsere Erde, befreien wir sie!«

▶ Dienstag, 8. Januar 2013, 21.00 Uhr

CORNEILLE – BRECHT – Frankreich 2009 – R+B: Jean-Marie Straub, nach »Horace« und »Othon« von Pierre Corneille und »Das Verhör des Lukullus« von Bertolt Brecht – K: Jean-Claude Rousseau, Christophe Clavert – Mit Cornelia Geiser – 26 min, OmU – GE- SCHICHTSUNTERRICHT – BRD 1972 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar« von Bertolt Brecht – K: Renato Berta – D: Gottfried Bold, Benedikt Zulauf – 88 min – Kunstpragmatismus, die Straubs und ihre Gebrauchs- filme: Bach für Bauern in Bayern, Corneille für die Ar- beiter von Renault. Und Brecht, der mit unermüdlicher Gelassenheit vorführt, wie man mit den Instrumenten der marxistischen Analyse hantiert. GESCHICHTSUN- TERRICHT ist eine Recherche zum römischen Kapitalis- mus, einst und heute. Einer der heitersten Straubfilme, mit KLASSENVERHÄLTNISSE und SICILIA ! bildet er eine Art Trilogie der Travestie. Das Verhör des Lukullus führt dann in die Unterwelt. »Wir suchen ständig das ›Harmonische‹, das ›An-und-für-sich-Schöne‹ zu ge- stalten«, schrieb Brecht, »anstatt realistisch den Kampf für die Harmonie und die Schönheit.«

▶ Mittwoch, 9. Januar 2013, 21.00 Uhr

EINLEITUNG ZU ARNOLD SCHOENBERGS BEGLEIT- MUSIK ZU EINER LICHTSPIELSCENE – BRD 1973 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach Brie- fen von Arnold Schönberg – K: Renato Berta – Mit Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, Günter Peter Stra-

schek, Peter Nestler – 16 min – MOSES UND ARON – Österreich 1974 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach der Oper von Arnold Schönberg – K: Renato Berta – D: Günter Reich, Louis Devos – 107 min – Schönbergs Musik, das machen die drei Filme sichtbar, die die Straubs mit ihr machten, hat nach dem Kino verlangt. Ein neues Verhältnis von Wort, Bild,

Gedanke. »Du, dem das Wort mit dem Bild davonläuft, du lebst selbst in den Bildern, die du vorgibst, fürs Volk zu erzeugen«, so Moses zum Ideologen Aron, »dem Ursprung, dem Gedanken entfremdet, genügt dir dann weder das Wort noch das Bild.« Das antike Theater in Alba Fucense ist als Schauplatz so irreal, so unmöglich und utopisch wie der von Mallarmés neuer, das Buch übersteigenden Poesie: »Die Praxis von Sprache ist nicht reduzierbar auf Sinnproduktion. Gedichte von Mal- larmé sind szenisch konzipiert. Nicht möglich auf dem Theater, sagt er, aber das Theater verlangend. Diese Unmöglichkeit realisiert der Film.« (Frieda Grafe)

▶ Dienstag, 15. Januar 2013, 21.00 Uhr

FORTINI / CANI (DIE HUNDE VOM SINAI) – Italien 1976 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach Franco Fortini – K: Renato Berta – Mit Franco For- tini – 83 min, OmU – ITINERAIRE DE JEAN BRICARD (WEG VON JEAN BRICARD) – Frankreich 2008 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach Jean-Yves- Petiteau – K: William Lubtchansky – 40 min, OmU – Zwei Kriegs- und Nachkriegserfahrungen, der Italiener Franco Fortini, der Franzose Jean Bricard: vom Fa- schismus sprechen, also vom Kapitalismus, von Impe- rialismus, Neokolonialismus, Zionismus, Klassenkampf. Keine Grenzen sind absolut im Denken und im Handeln, kein Leben ist eine Insel. Alles ganz kafkaesk. »Den Hund vom Sinai machen, Redensart der Nomaden, die einst durch die Hochebene von El Tih zogen, im Norden des Berges Sinai. Ihre Bedeutung schwankt zwischen:

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Jean-Marie Straub

dem Sieger zu Hilfe eilen, auf der Seite der Herren ste- hen, edle Gefühle zur Schau stellen. Auf dem Sinai gibt es keine Hunde.« ▶ Mittwoch, 16. Januar 2013, 21.00 Uhr

DALLA NUBE ALLA RESISTENZA (VON DER WOLKE ZUM WIDERSTAND) – Italien 1978 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Dialoghi con Leucò« und »La luna e i falò« von Cesare Pavese – K: Saverio Diamanti – D: Olimpia Carlisi, Guido Lombardi, Andrea Bacci, Mauro Monni, Paolo Cinnani – 105 min, OmU – Der neue Weggefährte Cesare Pavese, er wird die Straubs nicht mehr verlassen auf ihrem Itinéraire. Dia- loge mit mythologischen Figuren, die ums Unergründ- liche, Unaussprechliche kreisen, das Verhältnis der Götter und der Menschen. Die Farben haben Pedro Costa delirieren lassen, diese Gelbs, diese Grüns. Im Anschluss an die Dialoge ein Heimkehrer ins Italien nach Krieg und Widerstand. Ein Verschollener. Wie Ge- sellschaft Gewalt eindämmen will und selber dabei Ge- walt entwickelt. »Die Menschen sprechen in einen lee- ren Raum, und während die Rede aufsteigt, versenkt sich der Raum in die Erde.« (Gilles Deleuze)

▶ Dienstag, 22. Januar 2013, 21.00 Uhr

ZU FRÜH/ZU SPÄT – Frankreich 1982 – R+B: Da- nièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach einem Brief von Friedrich Engels und »Luttes de classes en Égypte« von Mahmoud Hussein – K: William Lubtchansky, Robert Alazraki – 105 min – Bäuerliche Welt in Frankreich und in Ägypten. Ökologisches kommt bei Straub immer mit Utopischem. Muss Revolution nicht immer vom Land ausgehen? Sollten Erfahrungen nicht immer aus Schwenks entstehen? »Die Erfahrung nicht ertragen – das geht. Das hat man gesehen. Sogar die Idee der Erfahrung nicht mehr ertragen – das geht ebenfalls. Das sieht man alle Tage. Man kann finden, den Wind zu filmen, sei eine lächerliche Sache. Eben nur Wind. Man kann auch am Kino vorbeigehen, wenn es aus sich herausgeht und etwas riskiert.« (Serge Daney)

▶ Mittwoch, 23. Januar 2013, 21.00 Uhr

DER TOD DES EMPEDOKLES ODER WENN DANN DER ERDE GRÜN VON NEUEM EUCH ERGLÄNZT – BRD 1986 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach Friedrich Hölderlin – K: Renato Berta – D: Andreas von Rauch, Vladimir Baratta, Ute Cremer, Ho- ward Vernon, Peter Kammerer – 132 min – Hölderlin, der Kommunist unter den deutschen Klassikern. Empe- dokles ist mit seiner eigenen Emphase voll beschäftigt und versucht, vom Ätna aus die Welt aufzurütteln. »Er

möchte Flamme sein, wie Jeanne d’Arc, wie Cézannes Mont Sainte-Victoire. Und wie John Fords scheinhei- liger Ransom Stoddard (James Stewart in THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE) redet er zu viel. Er posiert wie eine Sonnenexplosion, aber mit geschlosse- nen Augen.« (Tag Gallagher)

▶ Dienstag, 29. Januar 2013, 21.00 Uhr

SCHWARZE SÜNDE – BRD 1988 – R+B: Danièle Huil- let & Jean-Marie Straub, nach »Empedokles auf dem Ätna« (3. Fassung von »Der Tod des Empedokles«) von Friedrich Hölderlin – K: William Lubtchansky – D: Andreas von Rauch, Vladimir Baratta, Howard Vernon, Danièle Huillet – 42 min – Empedokles zum zweiten. Nach der Explosion nun die Implosion. Empedokles hat keine Botschaft mehr, er ist allein wie es Gertrud war am Ende von Dreyers letztem Film. Danièle Huillet spielt noch einmal selber mit in diesem Film, die Sphinx. – PROPOSTA IN QUATTRO PARTI (VOR- SCHLAG IN VIER TEILEN) – Italien 1985 – 40 min, OF – Blut und Boden. Eine Videomontage von Jean-Marie Straub: A CORNER IN WHEAT (1909) von David W. Grif- fith sowie Ausschnitte aus MOSES UND ARON, FOR- TINI / CANI und DALLA NUBE ALLA RESISTENZA.

▶ Mittwoch, 30. Januar 2013, 21.00 Uhr

KLASSENVERHÄLTNISSE – BRD 1984 – R+B: Da- nièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Der Verschol- lene« von Franz Kafka – K: William Lubtchansky – D: Christian Heinisch, Mario Adorf, Laura Betti, Alfred Edel, Harun Farocki, Manfred Blank – 127 min – Star- kino von den Straubs, in glänzendem Schwarz/Weiß, mit Adorf, Betti, Edel. Kafkas Neue Welt, gefilmt im Geiste von Fritz Lang, dem alten Meister und Lehrer. Ein jugendlicher Held, Kafkas Verschollener, aus sei- nem Land und seiner Familie gejagt wie die Kölner Jungs in NICHT VERSÖHNT. In den Korridoren und Kü- chen, Aufzügen und Balkonen fangen Kafkas Sätze an herumzuspuken. Deleuze über die Nähe von Straub und Kafka: »Man kann den Sprechakt nicht von dem lösen, was ihm widersteht, ohne ihn dabei selbst, ge- gen das ihn Bedrohende, widerständig zu machen. Er selbst ist die Gewalt, die nur hilft, ›wo Gewalt herrscht‹.« ▶ Dienstag, 5. Februar 2013, 21.00 Uhr

PAUL CEZANNE IM GESPRÄCH MIT JOACHIM GAS- QUET – BRD 1989 – R+B: Danièle Huillet & Jean- Marie Straub, nach »Cézanne – Ce qu’il m’a dit« von Joachim Gasquet – K: Henri Alekan – 63 min – UNE VISITE AU LOUVRE (EIN BESUCH IM LOUVRE) – Frankreich 2004 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie

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Jean-Marie Straub

Straub, nach »Cézanne – Ce qu’il m’a dit« von Joachim Gasquet – K: William Lubtchansky, Renato Berta – 47 min, OmU – Nach dem Empedokles, der Arbeit mit Hölderlin, nun das Mystère Cézanne. Gespräche so tief, wie man sie heute nicht mehr kennt. Daniele Huillet: »Wer redet noch mit offenem Herzen? Es ist, wie wenn du plötzlich auf einem Berg reine Luft atmest.« Zwei Bodenständige, Bergbesessene, Sonnentrunkene, wie sie träumen, Natur und Geschichte zu versöhnen. »Die Inkarnation der Sonne durch die Welt, wer wird das je malen, wer es erzählen? Das wäre die physische Ge- schichte, die Psychologie der Erde.« Mittendrin eine Szene aus der MADAME BOVARY, dem Film von Jean Renoir, dem Sohn von Auguste.

▶ Mittwoch, 6. Februar 2013, 21.00 Uhr

DIE ANTIGONE DES SOPHOKLES NACH DER HöL- DERLINSCHEN ÜBERTRAGUNG FÜR DIE BÜHNE BE- ARBEITET VON BRECHT 1948 (SUHRKAMP VERLAG) – Deutschland 1991 – R+B: Danièle Huillet & Jean- Marie Straub – K: William Lubtchansky – D: Astrid Ofner, Ursula Ofner, Libgart Schwarz, Werner Rehm – 99 min – Theaterferien in Berlin. An der Schaubühne hatten die Straubs die »Antigone« inszeniert, nun sind sie mit dem Stück und den Akteuren im antiken grie- chischen Theater in Segesta. »Das Straubsche Kino und das alte griechische Drama«, schreibt Peter Handke, »sind für mich geradezu seinesgleichen, form- gleich: beide stehen, oder stocken, am Anfang und ver- harren da, beharren auf diesem.« Die Arbeit der Straubs ist archäologisch, die Schichten der Ge- schichte aufblätternd: ein Stück von Sophokles, über- setzt von Hölderlin, bearbeitet von Brecht fürs Theater. Im Kino gewinnt es neue Körperlichkeit, Wesen, die my- thisch sind und doch ganz gegenwärtig. »Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer, als der Mensch.«

▶ Dienstag, 12. Februar 2013, 21.00 Uhr

VON HEUTE AUF MORGEN – Deutschland 1997 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach der Oper von Arnold Schönberg und Max Blonda – K: Wil- liam Lubtchansky – D: Christine Whittlesey, Richard Salter – 62 min – EN RACHACHANT – Frankreich 1982 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Oh! Ernesto« von Marguerite Duras – K: Henri Alekan – D: Olivier Straub, Nadette Thinus, Bernard Thinus, Raymond Gérard – 7 min, OmU – LOTHRIN- GEN! – Frankreich 1994 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Colette Baudoche« von Mau- rice Barrès – K: Christophe Pollock – D: Emmanuelle Straub – 21 min, OmU – UN HERITIER (EIN ERBE) –

Frankreich 2011 – R+B: Jean-Marie Straub, nach »Au service de l’Allemagne« von Maurice Barrès – K: Re- nato Berta, Christophe Clavert – D: Joseph Rottner, Ju- barite Semaran, Barbara Ulrich – 21 min, OmU – Filme über Erbschaft und Erziehung, Mode und Ideologien. »Was sind das, moderne Menschen?« Zwei Filme spie- len im Elsass, im deutsch-französischen Grenzland, nach dem reaktionären Maurice Barrès. Wissen und Gewissheiten, die sich entfestigen, nationale Gefühle, die in den wilden Nationalismen ihre Wahrheit rekla- mieren, »die heute sichtbaren und hörbaren Ge- schichtsspuren«, schrieb Frieda Grafe, »und die vom Kino aufgerufenen – nicht direkt darzustellenden – ar- chaischen Schwingungen«. Der alte Straub, geboren in Metz, tritt als Zeitzeuge selbst in Erscheinung.

▶ Mittwoch, 13. Februar 2013, 21.00 Uhr

OPERAI, CONTADINI (ARBEITER, BAUERN) – Italien 2001 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Le donne di Messina« von Elio Vittorini – K: Re- nato Berta – D: Angela Nugara, Angela Durantini, Vitto- rio Vigneri, Aldo Fruttuosi, Rosalba Curatola – 123 min, OmU – Die Straubs gehen in die Wälder, ihr spätes Werk wurzelt in der Gegend um die toskanische Stadt Buti – unser Monument Valley, sagt Straub. OPERAI, CONTADINI ist ihr WAGONMASTER, ein western noir. Politisches wächst zusammen mit Mythischem, Mär- chenhaftem. Die neue Historie. Überlebensszenen unter unsäglichen Bedingungen, in einem Winter nach Ende des Zweiten Weltkriegs. »Es geht um den Wahn- sinn, eine Gemeinschaft zu bilden«, sagt Straub, »den Wahnsinn des Schnees und des Eises.«

▶ Dienstag, 19. Februar 2013, 21.00 Uhr

IL RITORNO DEL FIGLIO PRODIGO / UMILIATI (DIE RÜCKKEHR DES VERLORENEN SOHNES / GEDEMÜ- TIGT) – Italien 2003 – R+B: Danièle Huillet & Jean- Marie Straub, nach »Le donne di Messina« von Elio Vit- torini – K: Renato Berta – D: Vittorio Vigneri, Rosalba Curatola, Aldo Fruttuosi, Romano Guelfi, Paolo Spaziani – 64 min, OmU – Die Fortsetzung zu den OPERAI, CON- TADINI. Die Gesellschaft formiert sich neu, Gericht wird gehalten. Ein Reichtum von Sonne, Licht, Wasser, Blattwerk, in den kleinsten Filmen noch, der den an- geblichen Asketismus und Minimalismus der Straubs ad absurdum führt. »Das hat mich so geärgert, dass ich nachgesehen habe. Askese, etymologisch, bei den Griechen, heißt: einen Beruf und ein Handwerk gut aus- üben, die Dinge gut polieren, als Schreiber zum Bei- spiel oder als Töpfer. Also bedeutet es genau das Ge- genteil von dem, was die Leute heute denken, wenn sie

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Jean-Marie Straub

meinen, ein Asket ist einer, der hat kein Blut. Das war die Frömmigkeit vom 17. Jahrhundert, die das umge- kippt hat. Die schlimme Frömmigkeit. Bis zur Peitsche auf sich selbst.« – EUROPA 2005 – 27 OCTOBRE – Frankreich 2006 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub – K: Jean-Claude Rousseau, Christophe Clavert

– 11 min, kein Dialog – JOACHIM GATTI – Frankreich 2009 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Jean-Jacques Rousseau – K: Renato Berta – 2 min, OmU ▶ Mittwoch, 20. Februar 2013, 21.00 Uhr

QUEI LORO INCONTRI (JENE IHRE BEGEGNUNGEN) – Italien 2006 – R+B: Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, nach »Dialoghi con Leucò« von Cesare Pavese – K: Renato Berta, Jean-Paul Toraille – D: Angela Nu- gara, Vittorio Vigneri, Grazia Orsi, Romano Guelfi, Gio- vanna Daddi, Dario Marconcini – 68 min, OmU – IL GINOCCHIO DI ARTEMIDE (DAS KNIE DER ARTE- MIDE) – Italien 2007 – R+B: Jean-Marie Straub, nach »La Belva« von Cesare Pavese – K: Renato Berta, Jean- Paul Toraille – D: Dario Marconcini, Andrea Bacci – 26 min, OmU – LE STREGHE – FEMMES ENTRE ELLES (DIE HEXEN – FRAUEN UNTER SICH) – Italien 2009 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Cesare Pavese – K: Re-

nato Berta, Jean-Paul Toraille – D: Giovanna Daddi, Giovanna Giuliani – 26 min, OmU – L’INCONSOLA- BILE (DER UNTRöSTLICHE) – Italien 2011 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Cesare Pavese – K: Renato Berta, Christophe Clavert – D: Giovanna Daddi, Andrea Bacci – 15 min, OmU – LA MADRE (DIE MUTTER) – Schweiz 2012 – R+B: Jean-Marie Straub, nach Cesare Pavese – K: Christophe Clavert – D: Giovanna Daddi, Dario Marconcini – 20 min, OmU – Mit Pavese haben die Straubs ihren Frieden gefunden, einen immer noch aufrührerischen Frieden. Neun filmische Dialoge mit Leuko, zum Schluss der allerneueste: LA MADRE. Me- leagros hat getötet und wird nun selbst getötet, von der eigenen Mutter. »Wer schafft es denn je, sich von den Müttern zu lösen?« fragt ihn, der zum Schatten wurde, der vieldeutige Hermes. »Die Mischungen, die Mons- tren erzeugen, sind im Kino nicht nur erlaubt, sie sind, wenn man es recht bedenkt, sein Gesetz. Solche Zwit- ter zu produzieren hat vor ihm kaum eine Kunst ge- schafft. Vor allem seitdem die Leinwand redet, wim- melt es von Chimären und Kentauren und Werwölfen. Sogar Götter wandeln zuweilen wieder unter den Men- schen.« (Frieda Grafe)

▶ Donnerstag, 21. Februar 2013, 19.00 Uhr

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LA MADRE

 

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